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10.10.2019, 18:46 Uhr

Ex-Regierungschef geht zum 70. in den politischen Ruhestand

Schwerin (dpa/mv) - Mecklenburg-Vorpommerns früherer Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) zieht sich aus Altersgründen ganz aus der Politik zurück. «Ich werde in diesem Monat 70. Und ich finde, das ist ein passender Moment, um zu sagen: Jetzt ist die Zeit gekommen, endgültig Abschied zu nehmen von der aktiven Politik», sagte Sellering am Donnerstag in Schwerin in einer überraschend einberufenen Pressekonferenz. Am 18. Oktober, seinem 70. Geburtstag, werde er letztmals an einer Sitzung des Parlaments teilnehmen, dem er seit 2002 angehört. Politiker mehrerer Parteien würdigten Sellerings langjähriges Wirken für das Land.

Sein Abschied aus der Politik habe nichts zu tun mit seiner Krebserkrankung, versicherte Sellering. Die überraschende Diagnose hatte ihn im Mai 2017 gezwungen, Regierungsamt und SPD-Landesvorsitz abzugeben. «Soweit man das bei so einer Erkrankung sagen kann, bin ich vollständig gesund und ich fühle mich auch sehr fit. Die Lebensfreude ist da», betonte Sellering. Nach erfolgreicher Therapie war er als einfacher Abgeordneter in den Landtag zurückgekehrt, hatte dort aber nur noch selten in die Debatten eingegriffen.

Mit politischen Kommentaren etwa zum Zustand der SPD werde er sich zurückhalten. «Da haben wir viele negative Beispiele in der Bundesrepublik, dass sich Leute zu Wort melden und ihre Nachfolger kritisieren. Ich hoffe sehr, dass ich meinen Vorsatz beibehalten kann, da einfach immer den Mund zu halten», sagte Sellering. Doch habe er zu seiner Nachfolgerin Manuela Schwesig (SPD) ein «hervorragendes persönliches Verhältnis». Er treffe sich regelmäßig mit ihr und bespreche dabei auch das eine oder andere. «Kluge Ratschläge aus dem Off» werde es aber nicht geben. Auch bei seiner Frau in zweiter Ehe, Britta Sellering, die inzwischen als Büroleiterin im Finanzministerium tätig ist, werde er sich mit Rat zurückhalten.

Seine fortwährende Popularität hatte Sellering im zurückliegenden Jahr vor allem in den Dienst der deutsch-russischen Verständigung gestellt, für die er in Schwerin den Verein «Deutsch-Russische Partnerschaft» gründete. Mit dem Vorsitz übe er dort auch weiterhin eine wichtige Aufgabe aus. Zudem wirke er weiter im Aufsichtsrat der Musikfestspiele Mecklenburg-Vorpommern mit: «Das sind zwei Bereiche, die mir sehr am Herzen liegen und die für dieses Land große Bedeutung haben», sagte Sellering.

Noch im Sommer 2016 hatte der gebürtige Westfale einen engagierten Wahlkampf geführt und so maßgeblich dazu beigetragen, dass die SPD bei der Landtagswahl allen Negativtrends zum Trotz erneut stärkste Kraft wurde und die Koalition mit der CDU weiterführen konnte. Doch endete seine dritte Amtszeit als Ministerpräsident früher als erwartet. Wenige Monate nach seiner Vereidigung ereilte ihn die Krebsdiagnose der Ärzte.

Dennoch zog Sellering eine positive Bilanz: Sein Ziel sei es gewesen, den Einwohnern von Mecklenburg-Vorpommern die Gewissheit zu geben, «dass sie stolz sein können auf das, was sie seit der Wende geschafft haben». Gemessen an den Umfragewerten sei das auch gelungen. Denn 2008 hätten nur etwa 60 Prozent erklärt, stolz auf das Land zu sein und gerne hier zu leben. «Jetzt sind wir seit Jahren konstant bei über 90 Prozent. Und das ist ein wirklich schöner Erfolg», resümierte Sellering.

Seine Nachfolgerin Schwesig bedauerte Sellerings Rückzug, nannte die Entscheidung aber «absolut nachvollziehbar». Er habe als Ministerpräsident Großartiges geleistet. «Das Land ist in seiner Regierungszeit wirtschaftlich vorangekommen. Er hat mit den Verbesserungen bei den Kitas und der Einführung der Ehrenamtsstiftung im sozialen Bereich wichtige Entscheidungen getroffen. Vor allem aber hat sich Erwin Sellering mit ganzer Kraft für mehr Respekt vor ostdeutschen Lebensleistungen eingesetzt», betonte Schwesig.

Für den Koalitionspartner CDU sprach Landesparteichef Vincent Kokert Sellering «Respekt vor der politischen Lebensleistung» aus. «Als Menschen achte ich ihn sehr. Die Zusammenarbeit mit ihm war von großem Vertrauen geprägt», betonte Kokert. Er könne Sellerings Entscheidung sehr gut nachvollziehen und wünsche ihm im Kampf gegen eine heimtückische Krankheit viel Kraft und alles Gute.

Linksfraktionschefin Simone Oldenburg zollte Sellering Respekt für die Entscheidung, sich aus der Politik zurückzuziehen. «Als Landesvater genoss er hohes Ansehen und hat sich über die Landesgrenzen hinweg einen Namen gemacht. Herr Sellering scheut keine politische Auseinandersetzung, ist dabei aber immer ein fairer Partner», hob Oldenburg hervor.

Sellering gehöre zu den Persönlichkeiten des Landes, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen, konstatierte AfD-Fraktionschef Nikolaus Kramer. Trotz grundsätzlich anderer Politikvorstellungen als die der AfD habe er auch den sachorientierten Diskurs gesucht. «Dieser Charakterzug ist ein Beispiel des politischen Umgangs, der auch nach seinem jetzt anstehenden Rückzug in Erinnerung bleiben sollte», sagte Kramer.

Der in Sprockhövel bei Bochum geborene Sellering war 1994 mit seiner Familie nach Greifswald gezogen, wo er am Verwaltungsgericht tätig war. Im gleichen Jahr trat er in die SPD ein, deren Landesvorsitzender er von 2007 bis 2017 war. 1998 wechselte Sellering aus der Justiz in die Politik. Der damalige Ministerpräsident Harald Ringstorff holte ihn in die Staatskanzlei, machte ihn im Jahr 2000 zum Justiz- und 2006 schließlich zum Sozialminister. 2008 trat Sellering dann Ringstorffs Nachfolge als Regierungschef an.

Für private Schlagzeilen sorgte Sellering 2010, als er die 26 Jahre jüngere Britta Baum heiratete. Beide leben in Schwerin und haben einen fünfjährigen Sohn. Britta Sellering arbeitet nach Tätigkeiten im Bundesfinanzministerium inzwischen als Leiterin des Ministerbüros im Landesfinanzministerium. Aus Sellerings erster Ehe stammen zwei inzwischen erwachsene Töchter.