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Restaurierung des Schweriner Schlosses


Neubewertung der Architektur des Historismus ab 1970

Im Zuge einer Neubewertung der Architektur des Historismus zu Beginn der 1970er Jahre wurde auch zunehmend von Denkmalpflegern, Kunstgeschichtlern und Architekturhistorikern die Bedeutung des Schweriner Schlosses als einzigartiges Gesamtkunstwerk des 19. Jahrhunderts erkannt. Bis dahin waren in der Fachwelt in Ost wie West die Kunstschöpfungen des Historismus und Eklektizismus, ob in der Baukunst oder der Bildenden Kunst eher als kraftlos und ohne höheren künstlerischen Wert betrachtet worden. Dies hatte zur Folge, dass nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa eine Vielzahl von Baudenkmalen und historischen Raumfassungen insbesondere aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts bedenkenlos dem "Fortschritt" geopfert wurden.

In dieser geistigen Haltung wurde auch der Bauunterhalt am Schweriner Schloss betrieben. Nur die notwendigsten Arbeiten wurden durchgeführt, um die nicht unbedingt bauwerkstauglichen Nutzungen wie Kindergärtnerinnenschule mit ihren Turnsälen in der Orangerie oder das Polytechnische Museum in den Terrakottasälen aufrechtzuerhalten.

Beginn der Restaurierung ab 1974

1974 begannen auf der Grundlage eines Beschlusses des damaligen Rates der Stadt die Restaurierungsarbeiten an wertvollen Innenräumen des Schlosses, um bald darauf die ersten Raumfluchten als Schlossmuseum, wie bereits vor dem 2. Weltkrieg, der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Eintragung in die Zentrale Denkmalliste der DDR 1979

1979 wurden Gebäude und Burggarten in die Zentrale Denkmalliste der DDR eingetragen.Um die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten zu koordinieren und wissenschaftlich zu begleiten, wurde bis 1984 eine umfangreiche denkmalpflegerische Zielstellung erarbeitet, die die Wiederherstellung des Schlossensembles im Zustand von 1857, dem Jahr der Fertigstellung des Demmler-Stülerschen Schlossumbaus, vorsieht.

Restaurierung bis 1990

Bis 1990 beschränkten sich die Arbeiten im wesentlichen auf die Restaurierung historisch und kunstgeschichtlich wertvoller Innenräume, wie etwa Thronsaal, Ahnengalerie oder Blumenzimmer. Stuckateure, Holzschnitzer und Restauratoren waren jahrelang beschäftigt, die Räume der Fest- und Beletage originalgetreu in alter, oftmals erst mühsam zu erlernender Handwerkstechnik wiederherzustellen. Waren die textilen Wandbespannungen zerstört, mussten sie nach zum Teil kleinsten Resten in Damast oder Plüsch nachgewebt werden.

Neue Perspektiven für Erhaltung und Wiederherstellung ab 1990

Mit der Gründung des Landes Mecklenburg-Vorpommern im Herbst 1990 und der Entscheidung für Schwerin als Landeshauptstadt mit dem Schloss als Sitz des Landtages bieten sich nunmehr neue Perspektiven zur Erhaltung und Wiederherstellung.

Grundsatz ist, das Erscheinungsbild des Schlosses entsprechend dem Bauzustand um 1857 zu erhalten und wenn notwendig zu rekonstruieren.In den kunst- und landesgeschichtlich wertvollen Räumen, die zur musealen Nutzung vorgesehen sind, wird wie bisher originalgetreu restauriert.

Das Schloss als Sitz des Landtages

Für das Parlament gilt es jedoch in vorwiegend, auch in früherer Zeit, untergeordneten oder durch den Schlossbrand 1913 zerstörten Räumlichkeiten zeitgemäße Arbeitsbedingungen zu schaffen. Neben der Einrichtung von Büros und Beratungsräumen sind so banale Dinge wie Sanitäreinrichtungen, EDV-Verkabelungen, Heizungsstränge oder Brandschutztüren erforderlich. Die Strukturen des Gebäudes und die noch vorhandene authentische Bausubstanz bis hin zum Fenstergriff bleiben auch in diesen Bereichen erhalten. Neu Hinzugefügtes wird allerdings bewusst abgesetzt und orientiert sich formal an den Gestaltungsprinzipien der klassischen Moderne.

Symbiose von Altem und Neuem

Immer wieder stehen die Planer vor der Frage, wie viel Neues darf, wie viel Rekonstruktion muss sein. Rekonstruiert nach Originalbefunden wird an Dächern und Fassaden sowie in besonders wertvollen historischen Innenräumen. Der Anspruch auf historische Authentizität gilt selbstverständlich auch bei der Farbgebung des Schlosses. Das Gebäude sollte im 19. Jh. einen wertvollen Sandsteinbau darstellen, wobei Putzstruktur und Farbe nachhelfen mussten. Selbst die in kostengünstiger Serienproduktion hergestellten Terrakottaformsteine für Kapitelle, Kragsteine und Fenstergewände wurden - heute schwer vorstellbar - sandsteinfarbig, das heißt, wertsteigernd übermalt.

Baumaßnahmen ab 1990

Insgesamt sind im Schloss Schwerin in 11 Geschossen rund 505 Räume mit über 23.000 qm Grundfläche zu sanieren.

Von 1990 bis 2010 konnten vom Betrieb für Bau und Liegenschaften Mecklenburg-Vorpommern, Geschäftsbereich Schwerin am Schloss Baumaßnahmen in Höhe von ca. 110 Millionen Euro durchgeführt werden, die durch die Schaffung von Büro- und Konferenzräumen die Arbeitsfähigkeit des Parlamentes verbesserten, aber auch in besonderem Maße der Substanzerhaltung dienten. Zahlreiche Fassaden, Türme und Dächer konnten bereits denkmalgerecht saniert werden, wobei die Wiederherstellung der vergoldeten Prunkkuppel sicher die spektakulärste, nicht aber die schwierigste Einzelmaßnahme darstellt.

Stabilisierung der Fundamente

Ein spezifisches Problem des Schweriner Schlosses besteht im unterschiedlichen Setzungsverhalten der einzelnen Bauteile, hervorgerufen durch den schlechten Baugrund auf der Insel im Schweriner See und die oft mangelhafte Gründung der Baukörper seit dem späten Mittelalter.Während die stadtseitigen Gebäudeteile nur geringfügige Setzungen aufweisen, sinken die seeseitigen Bauteile jährlich um bis zu 2 mm. Dies hat naturgemäß im Laufe der Jahrzehnte zu erheblichen Rissen innerhalb des Gebäudegefüges geführt.

Um weitere Schäden zu verhindern, wurde in vielen Bereichen die historische Gründung durch Betonbohrpfähle, die bis auf tragfähigen Grund eingebracht werden, nachgebessert. Die neuen Pfähle sollen jedoch nicht die Demmlersche Holzpfahlgründung oder die noch älteren Flachgründungen auf dem slawischen Burgwall ersetzen, sondern lediglich soweit entlasten, dass ein in den nächsten Jahren abklingendes, für alle Gebäude homogenes Setzungsverhalten erreicht wird.

Rettung der Orangerie

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten am Schweriner Schloss lag in den vergangenen Jahren in der Rettung der akut einsturzgefährdeten Orangerie, die sich in den vergangenen 150 Jahren um fast 50 Zentimeter gesetzt hatte und in der Rekonstruktion des Burggartens in seiner originalen Gestaltungsform von 1860.

Gerade die Orangerie, eine der ältesten erhaltenen Gusseisenkonstruktionen in Deutschland und der sie umgebende von Joseph Peter Lenné entworfene Burggarten bilden eine einmalige Synthese von Baukunst, künstlerischer Gartengestaltung und natürlichem Landschaftsraum. Untrennbar mit dem Garten verbunden ist der reiche plastische Schmuck, der nicht zuletzt dank zahlreicher Spender restauriert und teilweise nach alten Vorlagen wieder hergestellt werden konnte.So wurden etwa der Springbrunnen im Kolonnadenhof von einer erhaltenen Kopie in Klein Glienicke (Berlin) oder die Victorien auf der Orangerie von ihren Vorbildern im Schlosspark von Charlottenburg (Berlin) abgeformt und für den Burggarten neu gegossen.

Ausblick

Die Gesamtsanierung des Schweriner Schlosses wird auf Grund der Komplexität und des hohen Anspruchs an die baukünstlerische, technische und handwerkliche Qualität bei Planung und Ausführung der Baumaßnahmen bis weit in das nächste Jahrzehnt reichen. Der mittlerweile schon vertraute Blick auf Kräne, Bauzäune und Gerüste wird also den Schwerinern und ihren Gästen auch in Zukunft am Schloss erhalten bleiben.

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